Frage der Woche KW 2/2026

Gibt es eine Darstellung von Archiven oder Archivpersonal in Literatur, Film, Games, etc. die euch besonders gefällt oder die euch eher negativ aufgefallen ist? Wo grassieren noch Vorurteile und welche Medienschaffenden haben bei der Umsetzung ihre Hausaufgaben gemacht?

Antworten können gerne Empfehlungen für den nächsten Film- oder Leseabend enthalten ;)

Bisher habe ich wenige Filme gesehen, wo Archive richtig dargestellt wurden … wenn ich so drüber nachdenke würde ich sogar sagen, dass ich keine gesehen habe, wo es richtig dargestellt wurde :laughing: Aber zugegebenermaßen kommt es auch nicht so oft vor. Archiv = alte Bücher hält sich sehr hartnäckig. Ältere Männer mit Ärmelschonern und eher etwas eigenwilliger Art als Archivware ist auch immer dabei (wobei das mit der Eigenwilligkeit schon irgendwie stimmt :upside_down_face: ). Ich kann mich noch an ein Filmteam erinnern, der das Magazin zu ordentlich und aufgeräumt war (Archivkartons halt). Den Vogel abgeschossen hatten sie damit, dass sie den ältesten Archivar filmen wollten. Insgesamt stört mich das alles aber nicht sonderlich.

Als letztes habe ich “Sentimental Value” im Kino gesehen. Der Film hat ein gute wenn auch kurze Szene einer Archivbenutzung. Geht da um die Akten zu der Folter im besetzten Norwegen.

Ich finde die Gaston-Comics von André Franquin, die von 1957 bis 1997 erschienen sind, großartig.

Für diejenigen, denen das nichts sagt (Wikipedia): Gaston ist ein Bürobote bzw. Bürhelfer in einer fiktiven Redaktion, angelegt an die des Spirou-Magazins - nur ziemlich faul und ungeschickt. (Sehr verkürzt.)

Jedenfalls ist er in mindestens drei Stips auch für das Redaktionsarchiv zuständig. Dieses wird hier in einem absolut katastrophalen Zustand vorgestellt, die Darstellung ist aber trotzdem unfassbar großartig:

Auf dem ersten Strip (816) stürmen zwei Kollegen, von denen einer schon - aus seiner Sicht - viel zu lange auf ein Buch wartet, in den Archivraum, von dem Gaston “hoch und heilig” versprochen hätte, hier Ordnung zu schaffen - allem Anschein nach handelt es sich aber nur um einen Haufen aufeinander gekipptes Papier, mit einer Treppe aus Büchern und Akten. Schließlich bricht Gaston, ähnlich der Sandwürmer aus Dune, aus dem Papierstapel hervor, in dem er quasi eingetaucht und das gesuchte Buch gefunden hatte.

Im zweiten Strip (818) wundert sich der Redaktionschef darüber, wo all seine Mitarbeitenden sind, bis er einen Teller zur Sammlung von Eintrittsgeldern vor dem Archiv findet. Nachdem er dies betreten hat, wird aus eineer isometrischen Perspektive sichtbar, dass Gaston das Archiv zu einem großen Labyrinth - gebildet aus Akten statt aus Hecken - umgestaltet hat, mit dem sich seine Kolleg*innen die Zeit verbringen.

Beim dritten Strip (817) wird eine dritte Organisationsvariante vorgestellt - der Redaktionschef steht im Archiv vor einer Wand aus Akten und Büchern und fragt sich “DAS nennt er ein systematisches Archiv?”. Im zweiten Panel sieht man Gaston durch eine Art Schalter in der Wand hindurch blicken. Nachdem er erfahren hat, welches Dokument benötigt wird, verkündet er, einen Hammer zu holen, was den Redaktionscchef natürlich erstaunt. Einige Zeit später hört man aus dem “Off”, dass Gaston den gesuchten Band gefunden hat und sieht, wie dieser mit der AUfforderung “Fang auf!” aus der Wand geschossen kommt.

Wer die älktere, gelbe Serie (1990er) in die FInger bekommt: Band 10, S. 18/19 und S. 22, in der aktuellsten Neuauflage habe ich die beiden Panels noch nicht gesehen.

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In der belgischen Graphic-Novel-Reihe “Les Cités Obsucre” ist der dritte 1987 erschienene Band “L’Archiviste” aus der Perspektive eines in der Abteilung Mythen und Legenden des Institut Central des Archives angestellten solchen geschrieben. Bildlich ist Isidore Louis eher dem Erscheinungsbild von 1900-1945 nachempfunden: mit Kittel und Lupe ausgestattet, schwere mit Gurten zusammengebundene Folianten und Kartenrollen in das natürlich am A**** des Gebäudes liegende, mit Holzschreibtisch und Regalen vollgestellte und von wenig Licht erhellte Kämmerlein tragend.
Nach wie vor stimmig ist das Festlesen in den ausgehobenen Archivalien, das sich durch den ganzen Band zieht und den Protagonisten in tiefe Erkenntnisstrudel reißt.

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In eine ganz andere Richtung geht das “Infinite Archive” im MMORPG “The Elder Scrolls Online”. Die Instanz für bis zu zwei Spielende erschien mit dem Kapitel “Necrom” 2023 im Rahmen von Update 40. Das Kapitel führt unter anderem die Welt Apocrypha ein, über die der Daedra-Fürst Hermaeus Mora herrscht - ein allsehendes Auge mit Tentakeln, das über alles Wissen und alle Geheimnisse wacht. Auch im Grundspiel begegnet man ihm bereits und erfüllt meist Aufgaben, die mit der Sicherung geheimnisvoller Schriften oder Ruinen zu tun haben. Das neue Gebiet ist ganz auf Bücher, deren Schutz oder den Kampf gegen besonders widerspenstige Exemplare ausgelegt. Überall ragen meterhohe Bücherberge in eine Landschaft aus grünbraunen Farbtönen, schwarzer Schmiere (=Tinte) und kargen Felsen (für mich wirkt die Umgebung eher wie ein schmutziges Aquarium).

Auch das “Unendliche Archiv” bleibt dieser Optik treu: in gleichbleibend eintönigen Räumen voller Bücher kämpft man sich durch zunehmend schwerere Gegner (ab und an gibt es einen zufälligen Raum mit besonderer Aufgabe, aber das bleibt überschaubar). Zu Beginn trifft man in der “Kammer der Verzeichnisse” auf Meister Malkhest, einen Forscher, der im Archiv geblieben ist und nun als stiller Beobachter hilft. Er entdeckt beschädigte Bücher und merkwürdige Veränderungen, die den “Erfassern” (engl. “filer”), kleinere fliegende Augen mit etwas weniger Tentakeln, verborgen bleiben. Man selbst erhält den Auftrag, die Auffälligkeiten für Malkhest zu beseitigen.

Ihre Arbeit beschreiben die Erfasser folgendermaßen:

We file! [..] That’s when we find an object and put in a place where it stays.

Me specifically? Books. Collections of pages? Little … I’m just describing books. I file books. Basically everything in the archive needs to be stored in a place that makes sense. I help keep it organized.

Aber: “Filers don’t get rewards. Our work is always satisfactory, and therefore its own reward.

Zwar erzählen manche neuen Instanzen des Kapitels, wie der Dungeon “Halle der Schriftmeister”, interessante Geschichten, doch das Wissensthema wirkt insgesamt trist und klischeehaft: geheime Texte, monotone Arbeit, kauzige Hüter eines schmutzigen Chaos (auch die Erfasser sind manchmal schusselig und vergesslich). Offenbar orientiert sich ZeniMax (mit Microsoft als Mutterkonzern) stark am amerikanischen Archivbild und setzt in diesem Kontext eher auf die Atmosphäre einer “mystischen alten Bibliothek”. Tatsächlich wurde die Instanz im Deutschen zunächst auch als “Endlose Bibliothek” beworben und auch im Spiel werden die Begriffe teilweise synonym verwendet: “Mortals have libraries, right? Master Malkhest mentioned that yours pale in comparison. Which isn’t surprising since ours are quite dark.
Das Archiv bzw. alle begleitend entworfenene Wissensorte werden als abgeschottete, schwer zugängliche Räume dargestellt, in denen Wissen nicht einfach genutzt, sondern wie ein gefährlicher Schatz bewacht wird. Wer in oder aus Apocrypha Wissen sucht, sammelt es in der Regel entweder für Hermaeus Mora oder möchte es von ihm stehlen. Alles in allem ein Eindruck weit entfernt von der Realität nutzungsorientierter, moderner Archive.

Auf das Update hatte ich mich sehr gefreut (auch, weil ich mich in der Ankündigung zunächst verhört und statt der neuen Klasse des “arcanist” einen “archivist” erwartet hatte). Allerdings war ich dann, außer für die üblichen Errungenschaften, kaum in diesem Teil der Welt unterwegs. Optisch lassen sich im Spiel so viel ansprechendere Orte finden (die ebenfalls mit Necrom veröffentlichte Telvanni-Halbinsel hat wunderschön gestaltete Ecken). Die eintönige, klischeehafte Darstellung des “Archivs” an sich hat mich dann leider zusätzlich abgeschreckt.

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Das ist jetzt ziemlich lang geworden, aber ich hatte das Gefühl, das Beispiel braucht etwas mehr Kontext : )

Ich glaube ich fände das als Beschreibung einer Bibliothek genauso traurig und bedrückend wie als Beschreibung eines Archivs. Beides verbinde ich prinzipiell mit positiven Dingen. Ja, Wissen kann gefährlich sein, aber es ist für mich in erster Linie etwas Positives und Erstrebenswertes. Es kann auch irgendwie ein Eigenleben haben (haben Akten doch schon manchmal, oder? :wink:), aber ich würde es selten so negativ empfinden. Schade, dass das derartig klischeehaft dargestellt wurde. Es hätte durchaus potential gehabt. Aber bei Fantasy ist die Gefahr für Klischees eh groß und bei Spielen sowieso.

(The Elder Scrolls Online habe ich nie gespielt, weil ich irgendwie nicht so richtig mit Online-Spielen auf Dauer warm werde. Bleibe eher bei Singleplayer.)

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Ich bin gestern beim Lesen über folgenden Absatz gestolpert und war doch sehr positiv überrascht, wir hier das Archiv dargestellt wird :slight_smile: (aus dem Buch: Von Jade und Drachen - Amber Chen).

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