In eine ganz andere Richtung geht das “Infinite Archive” im MMORPG “The Elder Scrolls Online”. Die Instanz für bis zu zwei Spielende erschien mit dem Kapitel “Necrom” 2023 im Rahmen von Update 40. Das Kapitel führt unter anderem die Welt Apocrypha ein, über die der Daedra-Fürst Hermaeus Mora herrscht - ein allsehendes Auge mit Tentakeln, das über alles Wissen und alle Geheimnisse wacht. Auch im Grundspiel begegnet man ihm bereits und erfüllt meist Aufgaben, die mit der Sicherung geheimnisvoller Schriften oder Ruinen zu tun haben. Das neue Gebiet ist ganz auf Bücher, deren Schutz oder den Kampf gegen besonders widerspenstige Exemplare ausgelegt. Überall ragen meterhohe Bücherberge in eine Landschaft aus grünbraunen Farbtönen, schwarzer Schmiere (=Tinte) und kargen Felsen (für mich wirkt die Umgebung eher wie ein schmutziges Aquarium).
Auch das “Unendliche Archiv” bleibt dieser Optik treu: in gleichbleibend eintönigen Räumen voller Bücher kämpft man sich durch zunehmend schwerere Gegner (ab und an gibt es einen zufälligen Raum mit besonderer Aufgabe, aber das bleibt überschaubar). Zu Beginn trifft man in der “Kammer der Verzeichnisse” auf Meister Malkhest, einen Forscher, der im Archiv geblieben ist und nun als stiller Beobachter hilft. Er entdeckt beschädigte Bücher und merkwürdige Veränderungen, die den “Erfassern” (engl. “filer”), kleinere fliegende Augen mit etwas weniger Tentakeln, verborgen bleiben. Man selbst erhält den Auftrag, die Auffälligkeiten für Malkhest zu beseitigen.
Ihre Arbeit beschreiben die Erfasser folgendermaßen:
“We file! [..] That’s when we find an object and put in a place where it stays.”
“Me specifically? Books. Collections of pages? Little … I’m just describing books. I file books. Basically everything in the archive needs to be stored in a place that makes sense. I help keep it organized.”
Aber: “Filers don’t get rewards. Our work is always satisfactory, and therefore its own reward.”
Zwar erzählen manche neuen Instanzen des Kapitels, wie der Dungeon “Halle der Schriftmeister”, interessante Geschichten, doch das Wissensthema wirkt insgesamt trist und klischeehaft: geheime Texte, monotone Arbeit, kauzige Hüter eines schmutzigen Chaos (auch die Erfasser sind manchmal schusselig und vergesslich). Offenbar orientiert sich ZeniMax (mit Microsoft als Mutterkonzern) stark am amerikanischen Archivbild und setzt in diesem Kontext eher auf die Atmosphäre einer “mystischen alten Bibliothek”. Tatsächlich wurde die Instanz im Deutschen zunächst auch als “Endlose Bibliothek” beworben und auch im Spiel werden die Begriffe teilweise synonym verwendet: “Mortals have libraries, right? Master Malkhest mentioned that yours pale in comparison. Which isn’t surprising since ours are quite dark.”
Das Archiv bzw. alle begleitend entworfenene Wissensorte werden als abgeschottete, schwer zugängliche Räume dargestellt, in denen Wissen nicht einfach genutzt, sondern wie ein gefährlicher Schatz bewacht wird. Wer in oder aus Apocrypha Wissen sucht, sammelt es in der Regel entweder für Hermaeus Mora oder möchte es von ihm stehlen. Alles in allem ein Eindruck weit entfernt von der Realität nutzungsorientierter, moderner Archive.
Auf das Update hatte ich mich sehr gefreut (auch, weil ich mich in der Ankündigung zunächst verhört und statt der neuen Klasse des “arcanist” einen “archivist” erwartet hatte). Allerdings war ich dann, außer für die üblichen Errungenschaften, kaum in diesem Teil der Welt unterwegs. Optisch lassen sich im Spiel so viel ansprechendere Orte finden (die ebenfalls mit Necrom veröffentlichte Telvanni-Halbinsel hat wunderschön gestaltete Ecken). Die eintönige, klischeehafte Darstellung des “Archivs” an sich hat mich dann leider zusätzlich abgeschreckt.